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Mehr Videos als Songs: Warum Mike Sain't Louis' 280 Clips die ehrlichste Bildsprache des KI-Pop sind

Eine Kolumne über den Madrider Indie-Alternative-Künstler, der sich „der erste KI-Singer-Songwriter“ nennt, über Masken, Sitcom-Zitate und die Frage, wem ein Bild gehört, wenn eine Maschine es rechnet

Porträt von Mike Sain't Louis vor einem dunklen Studiohintergrund.
Mike Sain't Louis im Studioporträt vor dunklem Hintergrund. Der Madrider Künstler hat zu seinen 273 Singles mehr als 280 Videoclips veröffentlicht.

Madrid, 25. Oktober 2026. Es gibt eine Zahl, die bei Mike Sain't Louis selten jemandem auffällt, obwohl sie alles über seine Arbeitsweise verrät: 273 Singles, aber mehr als 280 Videoclips. Der Madrider Indie-Alternative-Künstler, der sich selbst „der erste KI-Singer-Songwriter“ nennt, hat in rund zwei Jahren mehr Bilder als Lieder veröffentlicht. Das ist keine Fußnote. Das ist eine Haltung.

Der Clip als zweite Strophe

Im klassischen Popbetrieb ist das Musikvideo Marketing. Es kostet viel, kommt spät und gehört am Ende oft dem Label. Bei Sain't Louis ist es anders, schon weil es kein Label über ihm gibt: Er ist Texter, Komponist, Musikproduzent, künstlerischer Leiter und Geschäftsführer seines eigenen unabhängigen Labels MIKE SAIN'T LOUIS. Er schreibt sämtliche Texte. Musik und Gesang entstehen mit künstlicher Intelligenz, die er als Werkzeug für Produktion und Arrangement einsetzt. Er singt nicht; die Stimme ist generiert. Das Wort, die Idee und die künstlerische Leitung gehören ihm.

Für die Bilder gilt dasselbe Prinzip. Über einen seiner Clips hat er geschrieben, er sei vollständig mit KI entstanden, Bild für Bild, ohne Team, ohne große Produktionsfirma, ohne Mittel, aber mit Lust. Wer das liest, versteht, warum es mehr Videos als Songs gibt. Der Clip ist bei ihm keine Verpackung, sondern eine zweite Strophe.

„Ich schreibe jedes Lied schon so, als wäre sie ein Video“, sagt er. „Wenn ich einen Text fertig habe, sehe ich die Szene vor mir. Die KI hilft mir, sie zu bauen. Aber was im Bild steht und was nicht, entscheide ich.“

„Hipócritas“: Ein Video, das Masken abnimmt

Am deutlichsten zeigt sich das bei „Hipócritas“ (Heuchler). Sain't Louis hat den Clip ausdrücklich adressiert: an diejenigen, die sich als lichte Wesen geben und den Dreck hinter einem Lächeln verstecken, die Moral, Zuneigung und Menschlichkeit spielen, bis die Maske fällt. „Hipócritas“ sei kein Lied, sagt er, sondern eine Abrechnung, ein „Jetzt reicht's“, ein „Ihr habt mich zu viele Jahre für dumm verkauft“. Beschönigt wird nichts. Das Video, schreibt er, sei seine Art, jede Lüge, jedes Gaslighting und jedes Theaterstück zurückzugeben, mit dem andere gut dastehen wollten, während sie Menschen innerlich k.o. schlugen.

Man kann das zu laut finden. Man sollte aber zur Kenntnis nehmen, wogegen es sich richtet. Sain't Louis hat öffentlich erzählt, dass er mit professioneller Hilfe Jahre in Beziehungen mit narzisstischen Partnern in Musik verwandelt, um narzisstischen und psychischen Missbrauch und dessen Spuren in der seelischen Gesundheit sichtbar zu machen, und damit Betroffene sich gesehen und geglaubt fühlen. Ein Clip über Masken ist in diesem Zusammenhang kein Stilmittel. Er ist der Kern. Wer selbst erlebt hat, wie freundlich eine Fassade sein kann, erkennt in solchen Bildern mehr als Provokation: eine späte Gegendarstellung.

Sein eigener Schlusssatz zu „Hipócritas“ lautet sinngemäß: Das ist keine Wut, das ist Freiheit. Treffender lässt sich eine Bildästhetik kaum beschreiben, die auf dem Planeten GAYFOLK spielt, wo, wie er sagt, für Masken kein Platz ist.

„Y sigo temblando siempre“: Fernsehen als Bildgedächtnis

Ganz anders funktioniert „Y sigo temblando siempre“ (Und ich zittere immer noch). Der Text liest sich wie ein Drehbuch, das schon Kameraeinstellungen mitliefert. Er beginnt mit dem Moment, in dem jemand sein Herz öffnet und seine Persönlichkeit in vierzig Teile zerlegt, und mit dem Gefühl, endlich verstanden und umarmt worden zu sein. Dann kippt alles. Wenn es schiefgegangen ist, heißt es, braucht es „un eterno Kit Kat“, einen ewigen Kit Kat. Und der Refrain gibt auf und gibt nicht auf zugleich: „y me rindo, y sigo temblando siempre“.

Das Bemerkenswerte sind die Referenzen. Der Erzähler fragt, ob die gemeinsamen Erinnerungen, die Reisen ins Dorf, die Spaziergänge mit den Hunden, die Weihnachtsfeste, nur Outtakes aus „La que se avecina“ oder „Caso cerrado“ waren, also aus einer spanischen Sitcom und einer Gerichtsshow. Wer so schreibt, denkt in Bildern, die ein ganzes Publikum schon im Kopf hat. Das ist Pop im besten Sinn: gemeinsames Fernsehgedächtnis als Sprache für einen sehr privaten Schmerz.

„Manchmal fühlt sich das Leben mit einem Narzissten an wie eine schlechte Serie, in der nur du nicht weißt, dass gedreht wird“, sagt Sain't Louis. „Ich habe diese Bilder einfach benutzt. Jeder in Spanien versteht sofort, was gemeint ist.“

Was eine Maschine nicht entscheidet

In Deutschland wird über KI-Bilder vor allem mit Sorge gesprochen: über Urheberschaft, über Trainingsdaten, über die Flut austauschbarer Inhalte. Diese Fragen sind berechtigt, und Sain't Louis selbst nennt mehrere davon ungelöst. Aber sein Werk zeigt eine andere Seite. Über 280 Clips, die alle aus derselben Haltung kommen, sind das Gegenteil von Austauschbarkeit. Die Maschine kann rechnen. Was ein Bild bedeuten soll, wem es gilt, welche Maske fällt, entscheidet ein Mensch.

Das Porträt, das diesen Text begleitet, zeigt ihn vor dunklem Studiohintergrund: kein Effekt, keine Kulisse. Für jemanden, der so viele Bilder erzeugt, wirkt das fast wie eine Erklärung.

Der Kontext: Ein Planet als Werkzyklus

Alles gehört zu PLANETA GAYFOLK und zur GAYFOLK-Trilogie, drei Alben als eine einzige Reise: „Descubierto un nuevo planeta llamado GAYFOLK“, „Ojalá se pudiera viajar a GAYFOLK“ und „El día de la liberación“. Ziel ist ein Planet, auf dem jede Person so leben kann, wie sie ist. Musikalisch reicht das von Elektropop über Copla bis zur Ballade, frech, unzensiert, queer, mit Humor und Camp. Viele entdeckten ihn 2024, als „Tan Cateto“ auf TikTok viral ging.

Hören und herunterladen

Der gesamte Katalog lässt sich auf mikesaintlouis.com kostenlos anhören und herunterladen, jeder Song mit vollständigem Text. Außerdem auf Spotify, Deezer und den großen Plattformen. Instagram: @planetagayfolk.

Über Mike Sain't Louis

Mike Sain't Louis ist ein Indie-Alternative-Künstler aus Madrid, der sich „der erste KI-Singer-Songwriter“ nennt. Er schreibt alle Texte von PLANETA GAYFOLK, steuert Musik, Stimmen und Bilder mit künstlicher Intelligenz und veröffentlicht unabhängig, ohne Plattenfirma und ohne Zwischenhändler.

Pressekontakt: info@mikesaintlouis.com · https://mikesaintlouis.com · Instagram @planetagayfolk