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Ein kleines Adjektiv, ein großes Thema: In fünf Schritten durch „El anillo de casado“ von Mike Sain't Louis – und hin zur Frage, warum Bisexualität so oft unsichtbar bleibt
Ein praktischer Hörleitfaden zu einem Song aus dem ersten Teil der GAYFOLK-Trilogie des Madrider Indie-Alternative-Künstlers, der sich „der erste KI-Singer-Songwriter“ nennt

Madrid, 25. Oktober 2026
Manchmal entscheidet ein einziges Wort darüber, wie man ein ganzes Lied versteht. Bei „El anillo de casado“ („Der Ehering“) von Mike Sain't Louis heißt dieses Wort supuesta – „angeblich“. Der Indie-Alternative-Künstler aus Madrid, der sich selbst „der erste KI-Singer-Songwriter“ nennt, hat diesem Adjektiv nun einen ausführlichen Blogtext gewidmet. Es geht darin um Bisexualität, um ihre Unsichtbarkeit und um die Frage, wer eigentlich bestimmt, was ein anderer Mensch „wirklich“ ist.
Der folgende Leitfaden zeigt, wie man den Song mit diesem Text im Kopf hören kann. Dauer: ein Lied, eine Tasse Kaffee und etwas Offenheit.
Vorab: Wer schreibt hier?
Mike Sain't Louis schreibt alle seine Songtexte selbst. Er ist Texter, Komponist, Musikproduzent, künstlerischer Leiter und CEO seines unabhängigen Labels MIKE SAIN'T LOUIS – ohne Plattenfirma, ohne Mittelsleute. Musik und Gesangsstimme entstehen mit künstlicher Intelligenz, die er als Produktionswerkzeug einsetzt; Idee, Wort und künstlerische Richtung stammen von ihm. „El anillo de casado“ gehört zu „Descubierto un nuevo planeta llamado GAYFOLK“, dem ersten Album seiner Trilogie.
Schritt 1: Die Geschichte erfassen
Beim ersten Hören einfach der Handlung folgen. Der Song erzählt von einer Affäre zwischen dem Ich-Erzähler und einem Mann, der gerade geheiratet hat. Es gibt Bierkrüge, Pensionen, eine Gegensprechanlage mit dem Schild „ausgebucht“ und einen Ring, der nicht abgenommen wird. Wer Spanisch versteht, liest am besten den vollständigen Text auf mikesaintlouis.com mit; alle anderen können sich an diesen Bildern orientieren. Sie zeichnen die Landkarte einer heimlichen Liebe. Tipp: Achten Sie darauf, wie oft der Song von Orten erzählt statt von Gefühlen. Die Pension, die Kneipe, die Klingel – das Versteckspiel wird über Räume sichtbar, nicht über Erklärungen.
Schritt 2: Auf das Wort „supuesta“ achten
Beim zweiten Durchgang die Stelle abwarten, an der der Erzähler gesteht, ihn fessle jeden Tag ein bisschen mehr „su supuesta heterosexualidad“ – seine angebliche Heterosexualität. Der Erzähler spricht aus Kränkung und aus Begehren zugleich. Für ihn ist die Ehe des anderen eine Fassade.
Mike Sain't Louis betont in seinem Blog, dass der Song diese Frage bewusst nicht beantwortet. „Zwischen ‚wirklich hetero‘ und ‚schwul, aber traut sich nicht‘ liegt ein riesiger Raum, den wir kaum je benennen“, schreibt er. Dieser Raum hat längst einen Namen: Bisexualität. Und sie ist so wenig sichtbar, dass sogar in einem seiner eigenen Texte, geschrieben für einen queeren Planeten, ein Adjektiv sie wegwischt.
Schritt 3: Fragen, wer hier urteilt
Jetzt den Blickwinkel wechseln. Der Erzähler sieht den Verheirateten, sieht, dass er genießt, und zieht den Schluss: Die Ehe ist gelogen. Eine sehr menschliche Schlussfolgerung, sagt der Autor – und eine sehr verbreitete. Ein verheirateter Mann, der mit Männern schläft, gilt schnell als „eigentlich schwul“. Eine Frau, die Freundinnen hatte und dann einen Mann heiratet, ist „zurück auf dem richtigen Weg“ oder hatte „nur eine Phase“.
In beiden Fällen entscheidet jemand anderes als die betroffene Person, was echt ist und was Verkleidung. Genau das nennt man bisexuelle Auslöschung, auf Englisch bi erasure. „Dafür muss man niemanden hassen“, schreibt Mike Sain't Louis. „Es reicht zu glauben, dass es nur zwei Schubladen gibt und jeder in eine passt.“
Schritt 4: Den Begriff klären
Für das dritte Hören hilft eine einfache Definition, die der Künstler aus dem Aktivismus übernimmt: Bisexualität ist sexuelle oder romantische Anziehung zu Menschen mehr als eines Geschlechts. Nicht zwingend zu gleichen Teilen, nicht gleichzeitig, nicht ein Leben lang mit derselben Intensität. Wer jahrzehntelang mit einem Partner eines Geschlechts zusammen ist, bleibt bisexuell – so wie ein alleinstehender heterosexueller Mensch nicht aufhört, heterosexuell zu sein. Manche bevorzugen andere Wörter wie pansexuell, manche gar kein Etikett. Wichtig ist ihm nur: Wer eine Bezeichnung wählt, verdient denselben Respekt wie bei „schwul“, „lesbisch“ oder „hetero“.
Schritt 5: Die Geschichte dahinter mitdenken
Zum Schluss ein Blick zurück, den der Blogtext liefert. 1948 veröffentlichte der Biologe Alfred Kinsey „Sexual Behavior in the Human Male“ mit einer Skala von 0 bis 6, von ausschließlich heterosexuell bis ausschließlich homosexuell. Viele der befragten Männer lagen irgendwo dazwischen. 1978 schlug der Psychiater Fritz Klein in „The Bisexual Option“ ein Raster vor, das Anziehung, Verhalten, Fantasien, emotionale und soziale Vorlieben getrennt erfasst – und ihre Veränderung über die Zeit.
Auch Zahlen nennt der Künstler: In der Gallup-Umfrage von 2024 in den USA bezeichneten sich 9,3 Prozent der Erwachsenen als LGBTQ+, und davon sagten 56 Prozent, sie seien bisexuell. Es gibt dort also mehr bisexuelle Menschen als Schwule und Lesben zusammen. Was beide zeigen: Was jemand tut, was er begehrt und was er über sich sagt, stimmt nicht immer überein – und das macht niemanden zum Lügner. Wer mit diesem Wissen „El anillo de casado“ noch einmal hört, hört einen anderen Song.
Warum das für ein deutsches Publikum interessant ist
Auch in Deutschland wird viel über queere Sichtbarkeit gesprochen, und Bisexualität gerät dabei leicht aus dem Blick. Dieser Hörleitfaden zeigt, wie ein Popsong voller Humor und Pensionsromantik eine ernsthafte Debatte öffnen kann, ohne zu belehren. Dass ein queerer Künstler dabei kritisch auf ein Wort in seinem eigenen Text schaut, macht den Ansatz glaubwürdig.
Hören und herunterladen
„El anillo de casado“ und der gesamte Katalog lassen sich kostenlos auf https://mikesaintlouis.com anhören und herunterladen, jeweils mit Songtext. Die Musik ist außerdem auf Spotify, Deezer und den wichtigsten Plattformen verfügbar. Mehr in seinem Blog: https://mikesaintlouis.com/blog/la-supuesta-heterosexualidad-bisexualidad-e-invisibilidad-bi-en-mis-letras
Über Mike Sain't Louis
Mike Sain't Louis ist ein Indie-Alternative-Künstler aus Madrid und bezeichnet sich als „der erste KI-Singer-Songwriter“. Sein Projekt PLANETA GAYFOLK umfasst 273 Singles und mehr als 280 Musikvideos, entstanden in rund zwei Jahren Arbeit, verteilt auf eine Trilogie über die Reise zu einem Planeten, auf dem jeder so leben kann, wie er ist. Stilistisch reicht es von Electropop bis Copla, von Alternative Pop bis Ballade, auf Spanisch, Englisch, Französisch und Portugiesisch. Bekannt wurde er vielen 2024, als „Tan Cateto“ auf TikTok viral ging.
Pressekontakt
E-Mail: info@mikesaintlouis.com Website: https://mikesaintlouis.com Instagram: @planetagayfolk