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Darf man über einen toten Diktator Pop machen? Ein Gastbeitrag von Mike Sain't Louis über „Franco ha muerto“

Der Indie-Alternative-Künstler aus Madrid, der sich „der erste KI-Singer-Songwriter“ nennt, verteidigt das Lachen als eine Form der Erinnerung – mit einer Sonnenbrille auf einer Beerdigung und einem Lied aus dem „Zauberer von Oz“

Ein Mann mit dunklen Locken und kurzem Bart sitzt auf Steinstufen in einer sonnigen Gasse mit weißen Häusern, blauen Türen und Topfpflanzen; er trägt ein türkisfarbenes Hemd offen über einem cremefarbenen T-Shirt, an den Unterarmen sind Tätowierungen zu sehen, er blickt zur Seite, im Hintergrund ist das Meer.
Mike Sain't Louis in einer sonnigen Gasse mit weißen Häusern und blauen Türen: Hier schreibt er über Trauer, Erleichterung und das Recht, über Tyrannen zu lachen.

Madrid, 25. Oktober 2026

Ein Gastbeitrag von Mike Sain't Louis

Jedes Mal, wenn jemand in meiner Single-Liste den Titel „Franco ha muerto“ sieht – „Franco ist tot“ –, kommt eine Frage. Manchmal ausgesprochen, manchmal nur als hochgezogene Augenbraue. Kann man daraus wirklich Pop machen? Darf ein Satz, der zu den ernstesten der jüngeren spanischen Geschichte gehört, in einem Katalog voller Glitzer, Federn und narzisstischer Ex-Freunde stehen?

Meine kurze Antwort lautet: ja. Die lange steht hier.

Vorweg eine Klarstellung, denn bei diesem Thema zählt Ehrlichkeit doppelt. Der Text des Songs ist noch nicht veröffentlicht. Auf meiner Seite steht er als „demnächst“, und ich werde hier keine Zeilen zitieren oder zusammenfassen, die noch niemand lesen kann. Was es gibt, sind der Titel, das Cover, das offizielle Video und der Platz, den das Lied in meinem Katalog einnimmt. Und es gibt eine sehr lange Tradition von Menschen, die beschlossen haben, dass man einen Tyrannen am besten erinnert, indem man über ihn lacht.

Ein Satz, viele Wohnzimmer

Ich bin Mike Sain't Louis, Indie-Alternative-Künstler aus Madrid, und ich nenne mich „der erste KI-Singer-Songwriter“. Ich schreibe alle meine Texte selbst; Musik und Gesang entstehen mit künstlicher Intelligenz, die für mich ein Werkzeug für Produktion und Arrangement ist. Die Worte, die Idee und die künstlerische Leitung sind meine.

Am 20. November 1975 trat der damalige Regierungschef Carlos Arias Navarro im spanischen Staatsfernsehen auf, um den Tod des Diktators zu verkünden. Mit betrübter Miene und einem Tonfall, der an eine Messe erinnerte. Millionen sahen es in Schwarz-Weiß, in Wohnzimmern mit Häkeldeckchen.

Mich interessiert weniger, was gesagt wurde, als wie es ankam. Derselbe Satz löste im selben Moment völlig gegensätzliche Reaktionen aus. In manchen Häusern gab es Tränen und Trauer. In anderen vorsichtiges Schweigen, die Art Schweigen, die man hält, weil man nie weiß, wer mithört. Und in wieder anderen, hinter verschlossenen Türen, etwas, das einem Fest ähnelte. Es wird erzählt, dass in einigen Städten der Sekt ausverkauft war. Ich habe keine Zahlen, die das belegen, und ich werde keine erfinden. Aber dass sich diese Anekdote ein halbes Jahrhundert gehalten hat, sagt viel darüber, was viele damals fühlten.

Öffentliche Trauer, private Erleichterung: Das ist das Rohmaterial jedes Liedes, das diesen Satz benutzen will.

Sonnenbrille am Sarg

Genau diese Doppeldeutigkeit zeigt das Cover. Es ist eine Beerdigung: ein dunkler Sarg unter weißen Blumen, und ich im Vordergrund, von Kopf bis Fuß in Schwarz, mit Sonnenbrille und einer schwarzen Rose in den tätowierten Händen. Der Titel steht in alten Plakatlettern, cremefarben und rot, wie eine amtliche Bekanntmachung an einer Hauswand.

Alles auf diesem Bild sagt Trauer: die Farbe, die Blumen, die Kleidung. Aber die Pose ist nicht die eines gebrochenen Witwers. Sie ist die eines Stars auf dem roten Teppich. Und eine Sonnenbrille auf einer Beerdigung ist das verdächtigste Accessoire, das es gibt. Sie kann verweinte Augen verdecken – oder ein Lächeln, das man besser nicht zeigt. Man weiß es nicht. Dieses Nichtwissen ist der Witz.

Ding-Dong und die BBC

1939 brachte „Der Zauberer von Oz“ ein Lied heraus, das ungewollt zur inoffiziellen Hymne gefeierter Tode werden sollte: „Ding-Dong! The Witch Is Dead“, Musik von Harold Arlen, Text von Yip Harburg. Die Munchkins feiern mit Glocken und Chören, dass die Böse Hexe des Ostens unter einem Haus zerquetscht wurde. Ein fröhliches Kinderlied in gesättigten Farben – und seit über achtzig Jahren im Dienst einer anderen Sache.

Im April 2013, nach dem Tod der früheren britischen Premierministerin Margaret Thatcher, brachte eine Kampagne in den sozialen Netzwerken genau dieses Lied auf Platz zwei der britischen Single-Charts. Die BBC musste entscheiden, was sie in ihrer wöchentlichen Hitsendung damit macht, und spielte schließlich nur einen Ausschnitt innerhalb eines Nachrichtenbeitrags. Tagelang wurde gestritten: Respektlosigkeit gegenüber einer Verstorbenen oder legitimer politischer Ausdruck derer, die unter ihren Entscheidungen gelitten hatten?

Ich bringe das Beispiel nicht, um Personen oder Regime zu vergleichen. Die haben nichts miteinander zu tun. Ich bringe es, weil es zeigt, wie alt der Reflex ist, einem Tod, der als Befreiung empfunden wird, mit Musik zu begegnen.

Warum Lachen keine Frivolität ist

Man kann mir vorwerfen, ich mache aus etwas Ernstem ein Spektakel. Ich sehe es umgekehrt. Ernst kann man auch vergessen. Feierliche Gedenkreden verstauben in Archiven. Ein Witz dagegen wird weitererzählt, am Küchentisch, von einer Generation zur nächsten. Lachen ist eine Form des Gedächtnisses, die nicht um Erlaubnis bittet.

Und es ist eine Form, die Diktatoren hassen. Wer Macht über andere ausübt, verlangt vor allem eines: dass man ihn ernst nimmt. Über ihn zu lachen, selbst Jahrzehnte später, nimmt ihm genau das.

Mein Projekt heißt PLANETA GAYFOLK: 273 Singles und mehr als 280 Videoclips, entstanden in rund zwei Jahren Arbeit, eine Trilogie über die Reise zu einem Planeten, auf dem jeder Mensch so leben kann, wie er ist. Dass ein Song über das Ende eines Regimes, unter dem so viele Menschen nicht so leben durften, in diesem Katalog steht, ist für mich kein Stilbruch. Es ist folgerichtig.

An mein deutsches Publikum

Ich weiß, dass man in Deutschland mit dem Thema Erinnerung sehr bewusst umgeht, und ich will niemandem erklären, wie er mit seiner eigenen Geschichte umzugehen hat. Ich erzähle nur, wie ich mit unserer umgehe: mit Sonnenbrille, schwarzer Rose und der Überzeugung, dass ein Lachen manchmal mehr bewahrt als eine Schweigeminute.

Hören und herunterladen

„Franco ha muerto“ und mein gesamter Katalog lassen sich auf https://mikesaintlouis.com kostenlos anhören und herunterladen, jeweils mit Songtext, sobald er veröffentlicht ist. Die Musik ist außerdem auf Spotify, Deezer und den großen Plattformen zu finden. Die ausführliche spanische Fassung dieses Textes steht in meinem Blog.

Über Mike Sain't Louis

Mike Sain't Louis ist ein Indie-Alternative-Künstler aus Madrid und bezeichnet sich als „der erste KI-Singer-Songwriter“. Er ist Texter, Komponist, Musikproduzent, künstlerischer Leiter und CEO seines unabhängigen Labels MIKE SAIN'T LOUIS. Seine Songs – auf Spanisch, Englisch, Französisch und Portugiesisch, zwischen Elektropop, Copla und Ballade – erzählen mit Camp und ohne Zensur von Liebe, Ex-Partnern, neugierigen Nachbarinnen, queerem Leben in Spanien, Befreiung und psychischer Gesundheit. Bekannt wurde er vielen 2024, als „Tan Cateto“ auf TikTok viral ging.

Pressekontakt info@mikesaintlouis.com https://mikesaintlouis.com Instagram: @planetagayfolk