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Austria ·

Wem gehört der Regenbogen? Ein Madrider Songwriter zwischen Stonewall, Getränkedosen und der Straße an die Costa Blanca

Mike Sain't Louis, Indie-Alternative-Künstler aus Madrid und nach eigener Bezeichnung „der erste KI-Cantautor“, nimmt seinen fröhlichsten englischsprachigen Song zum Anlass, über Pride als Protest, Pride als Geschäft und das sogenannte Pinkwashing nachzudenken

Porträt eines Mannes mit schwarzem, lockigem Haar und kurzem Bart in einem gebrochen weißen Leinensakko über einem weißen Hemd, mit einer dunklen Tätowierung auf der Brust, vor einem glatten weißen Hintergrund mit weichen Schatten.
Mike Sain't Louis vor weißem Hintergrund: Der Madrider Künstler stellt in seinem Blog eine unbequeme Frage zum Pride-Monat.

Madrid, 25. Oktober 2026. Im Juni färben sich die Schaufenster. Regenbogen auf Getränkedosen, auf Kaffeebechern, auf Firmenlogos, die elf Monate im Jahr nichts dergleichen tragen. Mike Sain't Louis kennt diesen Anblick aus Madrid, und er hat ihn zum Ausgangspunkt eines langen Textes in seinem Blog gemacht. Die Frage darin ist schlicht und unangenehm zugleich: Wem gehört eigentlich der Regenbogen? Denen, die ihn hochgehalten haben, als es dafür Prügel gab? Oder denen, die ihn vier Wochen lang auf eine Verpackung drucken?

Das Bemerkenswerte daran: Der Anlass ist kein Protestlied, sondern eines der unbeschwertesten Stücke seines Katalogs.

Ein Sonnenlied als Ausgangspunkt

„Madrid to Benidorm“ gehört zu „El día de la liberación“, dem Album, das die GAYFOLK-Trilogie abschließt. Es ist einer der wenigen Songs, die Mike Sain't Louis vollständig auf Englisch geschrieben hat. Ein Straßenlied, ein Sommerlied: Man tanzt unter dem Regenbogen von der Hauptstadt bis an die Küste, geht Hand in Hand und wischt Ängste mit Farben weg. Eine Zeile bringt es auf den Punkt:

This is what pride is all about.

Der Künstler, der sich selbst „der erste KI-Cantautor“ nennt, schreibt alle seine Texte selbst; Musik und Gesangsinterpretation entstehen mit künstlicher Intelligenz, die er als Produktionswerkzeug einsetzt und künstlerisch lenkt. Bereut habe er keine einzige Zeile, betont er. „Ich habe das Lied mit Freude geschrieben“, sagt er. „Aber jedes Jahr im Juni stelle ich mir eine Frage, die mit dieser Freude nicht ganz zusammenpasst.“

Eine Nacht in New York

Um sie zu beantworten, geht der Text zurück an den Anfang. In der Nacht auf den 28. Juni 1969 durchsuchte die Polizei das Stonewall Inn, eine Bar in Greenwich Village. Razzien in Szenelokalen waren damals Routine. Diesmal ließen sich die Leute drinnen und draußen nicht abführen; es kam über mehrere Nächte zu Auseinandersetzungen. Ein Jahr später, 1970, wurde mit Märschen daran erinnert. Daher stammen das Datum und die oft wiederholte Feststellung, dass Pride als Protest begann und nicht als Fest.

Mike Sain't Louis hält diese Erinnerung für unverzichtbar, gerade beim Blick auf die heutigen Paradewagen. Bevor es Musik gab, schreibt er sinngemäß, gab es Menschen, die ihre Arbeit, ihre Familie und ihre Freiheit aufs Spiel setzten.

Spanien: spät und mit Angst

Für Spanien zeichnet er eine Geschichte nach, die verspätet und unter Druck begann. Die erste Demonstration für die Rechte von Schwulen und Lesben fand im Juni 1977 in Barcelona statt, organisiert von der Front d'Alliberament Gai de Catalunya. 1978 folgte die erste in Madrid. Damals galt noch das Gesetz über Gefährlichkeit und soziale Rehabilitation von 1970, Nachfolger des berüchtigten „Ley de Vagos y Maleantes“, das es erlaubte, homosexuelle Menschen in besondere Einrichtungen einzuweisen. Wer an diesen ersten Märschen teilnahm, wusste um die sehr realen Folgen.

„Deshalb rührt mich das Wort Orgullo, Stolz, so sehr“, schreibt er. „Es ist kein Dekowort. Es ist die Antwort auf Jahrzehnte gesetzlich verordneter Scham.“

Jede Farbe, jede Nuance

Eine Songzeile lautet „Every color, every hue“. Sie führt im Blog zur Fahne selbst: Der Künstler Gilbert Baker entwarf die Regenbogenflagge für die Pride von San Francisco 1978. Seither hat sie Streifen verloren und gewonnen, Dreiecke und Farben für trans Personen, für rassifizierte Menschen und für andere, die sich außerhalb des Bildes fühlten.

Mike Sain't Louis beschreibt die Flagge als lebendiges Objekt, das genäht und wieder aufgetrennt wird. Genau deshalb lasse sie sich so leicht kopieren. Ein Regenbogen hat kein Urheberrecht. Jeder kann ihn auf ein Logo, ein T-Shirt, einen Becher setzen. Und dort, so der Text, beginnt das Problem.

Wenn der Regenbogen meterweise verkauft wird

Laut der Geschichtsschreibung des Orgullo Crítico de Madrid tauchten die ersten Paradewagen vermutlich Ende der Neunzigerjahre auf; davor war die Kundgebung am 28. Juni eben eine Kundgebung. Inzwischen zählt die Madrider Pride zu den größten Europas, 2017 war die Stadt Gastgeberin der WorldPride. Das offizielle Programm, MADO, organisiert der Unternehmerverband AEGAL gemeinsam mit COGAM und der FELGTBI+; 2025 kündigte die Stadtverwaltung einen Beitrag von 500.000 Euro als institutioneller Hauptsponsor an.

Der Künstler verurteilt das nicht pauschal. Dass eine Stadt voller Gäste ist, die Vielfalt feiern, findet er erfreulich, ebenso kostenlose, offene Konzerte. Aber er benennt die Spannung: „Rechte einfordern ist etwas anderes, als Bier zu verkaufen. Manchmal verträgt sich beides. Manchmal frisst das Zweite das Erste.“

Ein Blick aus Österreich

Wer im Juni die Regenbogenparade über den Wiener Ring ziehen sieht, kann sich dieselbe Frage stellen, die Mike Sain't Louis für Madrid stellt: Was davon ist Forderung, was ist Werbefläche? Sein Text gibt keine fertige Antwort für andere Städte, und er tut auch nicht so. Gerade das macht ihn für ein österreichisches Publikum interessant, das queeren Indie-Pop mit Haltung sucht, ohne Belehrung und mit einem Augenzwinkern. Dazu kommt die Musik selbst: frech, unzensiert, mit Humor und Camp, zwischen Elektropop, Copla und Ballade, auf Spanisch, Englisch, Französisch oder Portugiesisch.

Das Werk dahinter

Hinter dem Song steht ein Projekt von beachtlichem Umfang. Unter dem Namen PLANETA GAYFOLK hat Mike Sain't Louis in rund zwei Jahren 273 Singles und mehr als 280 Videoclips veröffentlicht. Die Trilogie erzählt in drei Alben eine einzige Reise: „Descubierto un nuevo planeta llamado GAYFOLK“, „Ojalá se pudiera viajar a GAYFOLK“ und schließlich „El día de la liberación“, die Ankunft auf einem Planeten, auf dem jede Person so leben kann, wie sie ist. Bekannt wurde er vielen 2024, als „Tan Cateto“ auf TikTok viral ging.

Ein Teil seines Schreibens hat zudem ein erklärtes Ziel: Mit professioneller Unterstützung verwandelt er Jahre in Beziehungen mit narzisstischen Partnern in Musik, um psychischen Missbrauch sichtbar zu machen und Betroffenen das Gefühl zu geben, gesehen und geglaubt zu werden.

Hören und herunterladen

Alle Songs, darunter „Madrid to Benidorm“, sind auf https://mikesaintlouis.com kostenlos zu hören und herunterzuladen, jeweils mit vollständigem Liedtext. Außerdem ist die Musik auf Spotify, Deezer und den wichtigsten Plattformen verfügbar. Den vollständigen Blogtext gibt es hier: https://mikesaintlouis.com/blog/el-arcoiris-no-se-alquila-orgullo-pinkwashing-y-madrid-to-benidorm

Über Mike Sain't Louis

Mike Sain't Louis lebt und arbeitet in Madrid und versteht sich als Indie-Alternative-Künstler. Als „der erste KI-Cantautor“ schreibt er jedes Wort seiner Lieder selbst und nutzt künstliche Intelligenz für Produktion und Arrangements. Er ist Texter, Komponist, Musikproduzent, künstlerischer Leiter und CEO seines unabhängigen Labels MIKE SAIN'T LOUIS, ohne Plattenfirma und ohne Zwischenhändler. Seine Themen: Liebe und Liebeskummer, Ex-Freunde, neugierige Nachbarinnen, queeres Leben in Spanien, Befreiung und psychische Gesundheit.

Pressekontakt

E-Mail: info@mikesaintlouis.com Website: https://mikesaintlouis.com Instagram: @planetagayfolk